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Straßen ohne Verkehrsschilder


Manchmal ist weniger mehr, und zwar dann, wenn es um Verkehrsschilder geht. Etwa 20 Millionen Verkehrszeichen regeln das Verhalten auf deutschen Straßen. Das macht im Schnitt alle 28 m ein Schild. Dass es auch anders gehen kann, will ein von der EU gefördertes Projekt demonstrieren, das den Ansatz verfolgt, die Straßen für Fußgänger, Rad- und Autofahrer sicherer zu machen. Shared Space, was soviel heißt wie geteilter Raum, läuft in Holland, Belgien, Dänemark und England. In Deutschland startet es erstmals im Ortskern von Bohmte in Niedersachsen. Hier sorgt ab 2008 eine einfache Regel auf der viel befahrenen Bremer Straße für Ordnung und Sicherheit: Fußgänger, Rad- und Autofahrer sind alle gleichberechtigt und müssen gegenseitig Rücksicht aufeinander nehmen. Das einzige Schild, das später in dem gesamten Bereich aufgestellt wird, weist auf das Projekt Shared Space hin. Alle anderen Verkehrszeichen verschwinden. Statt Ampeln wird es einen Kreisverkehr geben. Gehwege und Straßenflächen bekommen ein einheitliches Pflas­ter, das bis an die Häuserzeile reicht und auf einer Ebene angelegt wird. Auf beiden Seiten verläuft eine Regenrinne. Gehsteigkanten fallen komplett weg, so dass später niemand mehr unterscheiden kann, wo die Straße beginnt und der Gehweg endet. Alle teilen sich eine Fläche. Zwangsläufig müssen dann Pkw- und Lkw-Fahrer ihren Fuß vom Gaspedal nehmen und ihre Geschwindigkeit drosseln, um sich der Verkehrssituation anzupassen. Die einzige Vorschrift, an die sich die Verkehrsteilnehmer halten müssen, lautet: rechts vor links. Um sich untereinander zu verständigen, hilft ihnen nur Rücksichtnahme und ständiger Blickkontakt.
Da trotzdem ein gewisses Restrisiko bestehen bleibt, dass Shared Space nicht funktioniert, musste die Gemeinde Bohmte zusichern, nachträgliche Veränderungen oder gar den Rückbau zu übernehmen. Außerdem wurde vereinbart, dass Bohmte die Unterhaltung des ausgebauten Bereichs der Landesstraße und künftig die Verkehrssicherungspflicht trägt. Die Gesamtkosten des Projekts belaufen sich auf 2,35 Millionen Euro. Davon muss die Gemeinde 1,17 Millionen Euro selbst aufbringen. Die restlichen 1,18 Millionen Euro werden aus EU-Mitteln und weiteren Drittmitteln finanziert. Vergeben wurde der Auftrag an die Wübker Straßen- und Tiefbau GmbH aus Damme, die die Bremer Straße im Bereich der Leverner Straße bis zur Straße Am Schwaken Hofe umgestalten wird. Mit Cat-Baumaschinen rückt das Unternehmen an, um zunächst den alten Straßenbelag abzutragen, das Auskoffern vorzunehmen, eine Schottertragschicht einzubauen, auf die dann zum Schluss die Pflastersteine gesetzt werden. Erledigen werden die Arbeiten unter anderem ein Minibagger mit Kurzheck, 308C CR, die beiden Radlader 906 und 908 sowie zwei Mobilbagger, ein 316 C und ein M316 D. Letzterer war für die Baustelle mit einer neuen Siebschaufel von Cat ausgestattet worden. »Die hat sich wirklich bezahlt gemacht, weil sie weniger Sand aufnimmt. Der Bauschutt ist so wesentlich sauberer und muss nicht speziell entsorgt werden«, freut sich Geschäftsführer Joachim Wübker. In die Baumaßnahme in Bohmte mit eingeschlossen ist ein 750 m2 großer Parkplatz, den Wübker ebenfalls anlegen wird. Außerdem wird die Firma einen neuen Kanal einbauen, der alte war zu marode. In diesem Zuge werden auch die Hausanschlüsse für Schmutz- und Regenwasser der Anlieger neu gemacht sowie Kabel und Gasleitungen neu gelegt. Folgeaufträge, die aus der Baumaßnahme resultieren, wird Wübker ebenfalls ausführen. »Wir sind bereits von den Anliegern, insbesondere den Geschäftsleuten, angefragt worden, ob wir nicht auch ihre Einfahrten pflastern könnten. Sie wollen dafür das gleiche Pflaster wie für die Straße verwenden. So wird der Ortskern ein einheitliches Erscheinungsbild erhalten«, so Wübker. Schließlich, so bestätigt er, sei das Interesse der Öffentlichkeit an diesem Projekt sehr groß. Ein wichtiger Punkt war, von vornherein dafür zu sorgen, dass die Geschäfte trotz Baustelle zugänglich bleiben und Passanten durch die Bauarbeiten nicht gefährdet sind. »Den Cat-Minibagger mit Kurzheck haben wir eigens für besonders enge Baustellen gekauft. Da wir häufig im innerstädtischen Bereich arbeiten, wo der Bagger sehr dicht an Hauswänden eingesetzt wird, ist es praktisch, dass sich das Oberwagenheck innerhalb der Grundfläche des Unterwagens dreht. In Bohmte konnten wir schon oft davon profitieren«, so Wübker. Start der Bauarbeiten war Mitte September 2007. Die gesamte Baumaßnahme wurde in sechs Bauabschnitte unterteilt. Fertig sein muss sie bis Juni 2008. Dann wird sich zeigen, wie die Verkehrsteilnehmer mit dem geteilten Raum, zurechtkommen und ob sie auf Verkehrsschilder getrost verzichten können.


 


Ausgabe 3.2008